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DIE ZEIT vom 19.04.2001 Seite 11 Nr. 17
Dossier
Flucht in den Cyberspace
Sie suchen die grenzenlose Freiheit. Dotcom-Unternehmer,
Finanzjongleure und andere Trendsetter der Globalisierung
zieht
es auf schwimmende Plattformen und ferne Eilande. Unbehelligt
von
Recht und Gesetz, können die neuen Staatenlosen dort
via Internet
ihren Geschäften nachgehen.
Was für ein Auftrag! So etwas ist Petter Yran noch nicht
untergekommen. Und das will etwas heißen, denn der
57-jährige Norweger ist ein Veteran in seinem Geschäft.
1969 verließ er die Technische Hochschule in Zürich
als Architekt, weil er es langweilig fand, Landbauten zu
errichten. Er machte Karriere als Schiffdesigner. Yran hat
inzwischen an die 90 Kreuzfahrtdampfer und Luxusjachten entworfen,
und besonders bei den Schiffen der Klasse Five Star Plus
kennt er sich aus. Schwimmende Luxushotels, die Multimillionäre
um die Welt schippern und ihre ausgefallensten Wünsche
wahr werden lassen.
Drum kannte Petter Yran auch gleich den Auftraggeber: Knut
Kloster junior, den jüngsten Sprössling eines alteingesessenen
Kreuzfahrer-Clans aus Oslo.
Dessen Vater hatte in den frühen sechziger Jahren mit
billigen Karibiktrips das Kreuzfahrtgeschäft für
die Massen mitbegründet, doch Kloster junior hatte einen
ganz anderen Plan. Er wollte, dass Petter ihm ein Schiff
voller luxuriöser Eigentumswohnungen plant - für
Multimillionäre, die nicht mehr an einem bestimmten
Ort oder in einem bestimmten Land wohnen möchten. Ein
Domizil für eine handverlesene Kundschaft, die sich
auf hoher See und in den schönsten Häfen der Welt
zu Hause fühlen will.
An Bord lässt es sich arbeiten wie im Büro eines
Konzerns
Weil Knut Kloster ein beharrlicher Mensch mit exzellenten
Kontakten zu Risikofinanziers ist, steht das elegant geschwungene
Schiff jetzt nicht mehr bloß als Modell in Petter Yrans
Atelier: Die World of ResidenSea liegt als ein gewaltiger,
stahlgrauer Bottich vor der Küste Norwegens und bekommt
gerade 110 Eigentumswohnungen mit durchschnittlich 140 Quadratmeter
Grundfläche eingebaut. 90 Appartements sind schon verkauft,
pro Wohnung für mehr als zwei Millionen Dollar. An den
Verwaltungsratschef aus der Schweiz, den Dotcom-Millionär
aus San Francisco, an den Kunstsammler aus Oslo und den Erfolgsautor
aus Lateinamerika
wohlhabende und sehr wohlhabende Menschen zwischen 30 Jahren
und Greisenalter aus Deutschland, Europa, den Vereinigten
Staaten, Mexiko und Hongkong. "Meine Frau und ich sind
außerordentlich zufrieden mit der Art von Leuten, die
unsere Nachbarn werden", sagt Peter Beckwith, einer
der Käufer, ein 55-jähriger Brite, den Fitness-Studios
reich gemacht haben.
Im kommenden Januar stechen sie alle gemeinsam in See, zusammen
mit ihren feinen Teppichböden und antiken Möbeln,
den zwei Schwimmbädern, den beiden Decks voll von Restaurants
und Cafés, den 250 Matrosen und Dienstboten. Sie haben
einen Tennisplatz und eine Konzerthalle für klassische
Musik an Bord, einen Supermarkt und eine Wäscherei,
einen Operationssaal und zwei Särge, Kanonen gegen Piratenangriffe,
Gästezimmer für Geschäftsfreunde und Personal.
Sie können Videokonferenzen abhalten, Sekretariate
mieten, via Satellit telefonieren und im Internet surfen. "Ihren
Geschäften können Sie nachgehen wie in jedem Büro
eines multinationalen Konzerns", sagt der Marketingchef.
Und sein Mitarbeiter, der sich um die Inneneinrichtung kümmert,
ergänzt: "Wenn Sie wollen, können Sie hier
an Bord ein Dotcom-Business aufziehen."
Das Schiff schwimmt ohne Pause, es passt in keinen Hafen
Denn das war für Knut Kloster das Wichtigste: ResidenSea
soll kein schwimmendes Altersheim sein, kein letzter Hafen
für coach potatoes. Vielmehr wird dieses Schiff einen
völlig neuen Lebens- und Arbeitsstil begründen
- und ein paar Kunden haben tatsächlich vor, ihren Erstwohnsitz
demnächst zu verlassen, um ihr Leben auf dem Ozean zu
verbringen. "80 Prozent unserer Kunden stehen aktiv
im Geschäftsleben", betont Kloster.
Die erste Idee, die World of ResidenSea zu einer schwimmenden
Steueroase zu machen, scheiterte allerdings rasch. Schon
deshalb, weil ein Hochseeschiff von den Steuerbehörden
nicht als erster Wohnsitz anerkannt wird. Die Passagiere
müssen weiter in ihren Heimatländern Steuern zahlen
- falls sie ihren Wohnsitz nicht schon längst in eine
Steueroase auf festem Land verlegt haben. Eine knifflige
Frage für Steuerberater. Auch sonst gilt auf dem Meer
ein widersprüchlicher Mix von Gesetzen, die alle nicht
so recht für dauerhafte Seebewohner geschrieben wurden:
Das Schiff wird unter der Flagge der Bahamas segeln, auf
hoher See gilt das Meeresrecht, in den Häfen und Territorialgewässern
das Recht der Gastländer. Für Verträge auf
der ResidenSea wird das Recht des Bundesstaates New York
gelten, doch in manchen Dingen müssen die Seefahrer
weiterhin den Regeln ihrer Heimatländer gehorchen. "Technische
Details, die noch nicht ganz ausgearbeitet sind", gibt
der Marketingchef zu. Und scherzt: "Wenn Sie Ihren Nachbarn
auf hoher See erstechen wollen, wenden Sie sich vorher an
einen guten Rechtsberater."
Aber womöglich dauert es nicht mehr allzu lange, bis
das Leben auf dem Meer zur Selbstverständlichkeit wird.
Anfang Dezember trafen sich in der Hafenstadt La Ceiba (Honduras)
besonders gut gelaunte Leute auf einer Party: Ein paar Dutzend
Werftmanager und Investoren feierten den Baubeginn ihrer
Freedom Ship. "Es wird das größte Schiff
der Welt", schwärmt Roger Gooch, Vizepräsident
der Ingenieurfirma, die hinter dem Projekt steht, "eine
Meile lang, Heimat für 80 000 Menschen, eine Kleinstadt
auf dem Meer." Einfache Wohnungen auf dem Schiff der
Freiheit kosten etwa ein Zehntel der Luxuskajüten auf
der ResidenSea. Und sollte das Schiff tatsächlich eines
Tages fertig werden - bisher sind erst etwa 15 Prozent der
Finanzierung gesichert -, gehen Steuern und staatliche Regeln über
Bord. Die Freedom Ship soll nämlich ausschließlich
in internationalen Gewässern schwimmen, jeder staatlichen
Kontrolle ausweichen und niemals einen Hafen anlaufen. Könnte
sie auch gar nicht, weil sie nicht hineinpassen würde
die Einzelteile werden in La Ceiba vorgeformt und auf hoher
See verschweißt. "In Territorialgewässern
könnte jede Regierung unser Schiff durchsuchen oder
beschlagnahmen, wenn ihr etwas nicht passt", sagt Gooch. "Das
soll nicht passieren."
Wer auf hoher See den Wellengang scheut, kann sich an Howard
Turney wenden.
Er ist ein 69-jähriger Pensionär aus Oklahoma
und nennt sich "Prinz Lazarus von New Utopia".
Seit einigen Jahren bemüht sich der Prinz höchstpersönlich
um ein Territorium, das er beherrschen könnte. "Wir",
sagt der Monarch in spe, der abends selber das Telefon abnimmt, "haben
jetzt einen Vertrag mit einer Immobilienfirma abgeschlossen,
die in Kürze die Bauarbeiten für eine künstliche
Insel südlich der Cayman Islands beginnen wird." Ein
Domizil von Wasser umgeben, aber auf festem Grund. Für
1500 Dollar kann man jetzt schon die Staatsbürgerschaft
von New Utopia erwerben, und die ist im Branchenvergleich
ziemlich teuer: Der Erbauer von Oceania zum Beispiel, ein
gewisser Eric Klien, verkauft seine Pässe im Internet
für nur 150 Dollar - ist aber leider gerade unbekannt
aus seiner Wohnung in Las Vegas verzogen. Im Internet wimmelt
es von solchen Leuten, die auf Inseln oder schwimmenden Plattformen
ihr eigenes Taka-Tuka-Land eröffnen wollen. Ernsthafte
Unternehmer, Träumer und Betrüger lassen sich in
dieser Branche nur schwer auseinander halten.
Wer es mit dem Umzug ins Paradies ganz besonders eilig hat,
wende sich vorerst besser ans nächstgelegene "Off-Shore-Zentrum".
Solche Orte wie das zentralamerikanische Belize, die Südseeinsel
Vanuatu oder das karibische Anguilla sind schon lange mit
Aussteigern aus aller Welt im Geschäft - denn sie treiben
nur minimale Steuern ein und stellen Neuankömmlingen
kaum unangenehme Fragen. Inseln wie Nauru in Mikronesien
ziehen es vor, lieber von der internationalen Staatengemeinschaft
ab und zu geächtet zu werden, als Details über
ihre Gäste preiszugeben. Die Seychellen erteilten reichen
Einwanderern zwischenzeitlich schon Generalamnestien. Die
feudal regierte Kanalinsel Sark vor der Küste Frankreichs
hat es fertig gebracht, nur 400 erwachsene Einwohner, aber
gleichzeitig 20 000 Firmen zu beheimaten. Viele Kleinststaaten
verkaufen haufenweise Pässe - wobei die frisch gebackenen
Staatsbürger manchmal eine detailgetreue Seekarte brauchen,
um ihre neue Adresse zu finden.
Manche Off-Shore-Paradiese waren schon zu den guten alten
Zeiten von Kapitän Schwarzbart bewährte Piratenstützpunkte.
Und seit den sechziger Jahren - als die reichen Länder
der Welt nach und nach ihre Kapitalmärkte öffneten
- sind überall neue Steuerparadiese aufgeblüht.
Die Inseln der Regellosigkeit bieten als Basisangebot eine
Adresse für Briefkastenfirmen sowie einschlägige
Finanzdienstleistungen für Steuerflüchtlinge, Geldwäscher
und sonstige Geheimniskrämer. Die lassen sich allerdings
nur selten persönlich dort blicken. Wirklich auf einer
dieser Inseln zu leben bleibt nur einer hauchdünnen
Schicht vorbehalten: schwerreichen Pensionären und dekadenten
Erben, erholungsbedürftigen Drogenbaronen und flüchtigen
Großverbrechern und obendrein ein paar Träumern
und Exzentrikern. Jetzt allerdings bekommen die Auswanderer
Gesellschaft. Eine neue Sorte Gäste zeigt Interesse
an einem Platz auf der Insel, auf dem treibenden Floß oder
dem gigantischen Kreuzfahrtdampfer - Gäste wie Vince
Cate.
18 Grad Nord, 63 Grad West. Shoal Bay, der schönste
Strand der karibischen Koralleninsel Anguilla. Vince Cate
holt mit dem Hammer aus, schlägt zu, flucht, und ein
Nagel purzelt in die Tiefe. Um halb fünf am Nachmittag
kann man sich auf Anguilla wirklich nicht mehr gut aufs Hämmern
konzentrieren. Die Sonne steht auf Vince Cates Sonnenhut,
seinem cremeverklebten Nacken und dem schweißnassen
T-Shirt. Seit dem Morgengrauen hat er mit Angestellten und
Nachbarn die Krone seines neuen Bürogebäudes zusammengezimmert
- eine sturmfeste Kuppel aus Holz, deren Bauteile er unter
www.domes.com im Internet bestellt hat. Vince Cate kennt
sich aus im Internet: Er ist ein erfolgreicher Dotcom-Unternehmer
- und zwar bis heute, während gleichzeitig an anderen
Plätzen der Welt Internet-Unternehmen reihenweise zugrunde
gehen. Der gebürtige Amerikaner, 37 Jahre alt, verdient
sein Geld vor allem damit, dass er Kunden einen Platz im
Cyberspace bereitet. Er betreut auf seinen Computern die
Web-Seiten oder sogar komplette Unternehmen anderer Leute,
die so - wenn sie es geschickt anstellen - unter die Rechtsprechung
von Anguilla fallen.
Das bedeutet nach Vince Cates Auskunft Steuerfreiheit, 100-prozentige
Geheimhaltung und Schutz vor dem Zugriff ausländischer
Behörden. Denn Anguilla gehört zu den verschwiegensten
Steuerparadiesen der Welt.
Anfangs hatte Vince die Rechner und ein paar einheimische
Programmierer daheim und im Haus seiner Schwiegermutter installiert,
aber aus diesen Anfängen ist das Unternehmen längst
entwachsen. "Für die Computer", sagt Vince
und zeigt auf das Nachbargrundstück, "bauen wir
noch etwas ganz anderes, einen Bunker aus Beton." Sagt
es, flucht und verkriecht sich unter dem Baugerüst.
Der Himmel ist pechschwarz, ein tropischer Regenschauer prasselt
hernieder und hinterlässt auf dem künftigen Bürofußboden
einen kleinen See. "Daher der Bunker."
Aber meistens ist das Wetter auf Anguilla so, wie sich das
für ein Paradies gehört: strahlende Sonne und eine
leichte Brise. Vince hat inzwischen gelernt, wie man Wasserschildkröten
jagt, in seiner Freizeit bastelt er an einem elektrischen
Boot herum. Und freut sich, wenn er sich über seine
alte Heimat, die USA, lustig machen kann. Eine seiner Web-Seiten
ist inzwischen besonders einträglich: Sie ermöglicht
es Amerikanern, ihre Mitbürger auszuschnüffeln
und zum Beispiel Einträge ins Wahl- und Vorstrafenregister
einzusehen. Das ist in den Vereinigten Staaten verboten,
auf Anguilla aber nicht.
Amerikanische Staatsanwälte fürchtet er nicht.
Vince hat die Brücken in seine alte Heimat abgebrochen:
1994 schmiss er sein Studium der Computerwissenschaften hin,
machte sich auf eine Rundtour in die Karibik und ernannte
Anguilla zu seiner Wahlheimat. Ein Jahr später heiratete
er die hübsche Anguillanerin Sarah und gab die amerikanische
Staatsbürgerschaft zurück. Seitdem bekommt er kein
Einreisevisum mehr. "Okay, jetzt werde ich wohl darauf
achten müssen, gesund zu bleiben", sagt er und
zuckt mit den Schultern. Denn die Gesundheitsversorgung in
der Karibik zählt nicht zu den besten. Vince' Eltern
leben in Kalifornien, sie können ihn alle paar Jahre
besuchen. Solange sie fit sind.
Im nächsten Urlaub fliegt Vince für eine Woche
nach London, um mal wieder eine große Stadt zu sehen.
Aber eigentlich könnte er es lassen. "Ich war schon
immer ein Computerfreak", sagt er, "ich brauche
den Rummel nicht."
Seine Clique ist die weltweite Gemeinschaft der Computerhacker:
Vince unterhält Websites für selbst ernannte "Krypto-Rebellen" und "Cypherpunks",
die für ein geheimes und unkontrollierbares Internet
kämpfen. Und er ist Koorganisator der Finanz-Kryptografie-Konferenz
auf Anguilla - eines der größten Ereignisse der
Szene, zu dem einmal im Jahr Finanzexperten, Computerprogrammierer
und eine bunte Truppe aus Hackern in das Inselparadies einfällt:
langhaarige Programmierer in Jesuslatschen, bleiche Bartträger
in T-Shirts, die mit dem Logo des Computerbetriebssystems
Linux bedruckt sind.
"Einige sind hier schon hängen geblieben und schreiben
Software oder Bücher", sagt Vince und deutet aufs
Meer hinaus. "Manche sitzen da draußen auf ganz,
ganz kleinen Inseln."
Es gibt Leute, die Vince Cate und seine Hackerfreunde für
eine Rotte von Spinnern halten - und andere, die in ihnen
die Vorhut einer neuen Etappe der Globalisierung sehen. "Jedermann
mit einem tragbaren Computer und einer Satellitenverbindung
wird fast jedes informationsbasierte Geschäft an jedem
Ort der Welt durchführen können", schrieben
vor vier Jahren die Wirtschaftsjournalisten und Investitionsberater
James Dale Davidson und William Rees-Mogg in ihrem Buch The
Sovereign Individual. Inzwischen haben solche Ideen massenweise
Anhänger gefunden: Der wirtschaftliche Wandel hin zur
New Economy und Dotcom-Wirtschaft soll in vielen Branchen
den alten Traum vom Leben und Arbeiten irgendwo auf dem Globus
möglich machen. Frei von Steuern und lästigen Regeln.
Weißwürste und Kirschtorte bei 30 Grad und unter
Palmen
Nicht nur für ein paar Reiche soll das gelten, sondern
für alle, die ihre Brötchen mit dem "Transport" von
Ideen, Daten und Informationen per Internet verdienen. Softwareschreiber
und Finanzjongleure, Informationsbroker und Website-Designer
könnten sich ein Paradies am Strand suchen oder auf
Petter Yrans Traumschiff die Welt umrunden. Vielleicht würden
ihnen Ärzte folgen, die mit Computertechnik aus der
Ferne operieren
oder Bio-Tech-Unternehmer, deren Experimente im Heimatland
die Behörden auf den Plan riefen. Leute wie Vince Cate
und seine Hackerfreunde wären die Pioniere einer solchen
Entwicklung - die ersten Siedler, die für ihre Nachfolger
die Infrastruktur schaffen. Die ersten neuen Staatenlosen.
Alles nur Science-Fiction?
17 Grad Nord, 62 Grad West. Nevis Street, Antigua. Die Caribbean
Casino Corporation (CCC) wirbt auf ihrer Website mit goldenen
Beschlägen, wehenden Palmblättern und dem verlockenden
Glitzern der besseren Gesellschaft. Aber im wirklichen Leben
mit wirklichen Straßen ist das Casino kaum zu finden:
Im zweiten Stock des American Airlines Building hängt
kein Schild. Im Foyer schwatzen Sekretärinnen, im abgedunkelten
Großraumbüro starren Programmierer auf flimmernde
Schirme. Der Chef selber fällt hier am allerwenigsten
auf
blaues Hemd, graue Strähnen im sorgfältig gekämmten
Haar, eine leise Stimme und ein badischer Tonfall. "Wir
machen nix, wir tun keinem was, wir haben keinen Ärger
mit den Behörden", sagt Harry Sauer und bittet
an den Besprechungstisch. Er hat auf Antigua gelernt, alles
in Ruhe und sehr langsam zu machen. "Die Leute halten
die Hitze hier bloß so aus", sagt Harry Sauer.
"Wo es heiß ist, bewegt sich die Zeit langsamer."
Harry Sauer hat sich für mindestens ein paar Jahre
auf Antigua eingestellt.
Damals, als Sauer noch eine Werbeagentur in Lindau am Bodensee
leitete, entwickelte er mit einem Freund aus der Schweiz
die Idee für ein virtuelles Spielcasino in Deutschland.
Internet-Surfer sollten, am Bildschirm, an einarmigen Banditen
und Roulettetischen spielen - aus Spaß oder um Geld,
das sie vorher per Kreditkarte an die Firma überweisen.
Doch nach jahrelangem Hin und Her merkten die beiden, dass
ihre Idee weder in Deutschland noch in der Schweiz noch in
Liechtenstein umzusetzen war: Sie wären stets mit dem
Gesetz in Konflikt gekommen. "Also haben wir uns einen
Ort gesucht, wo das juristisch geht", sagt Sauer.
Erst einmal schleppte Sauer "ein paar Koffer Bestechungsgeld" in
die Dominikanische Republik, bekam aber trotzdem keine Lizenz
und entdeckte endlich das Steuerparadies Antigua. Dort werden
für 100 000 Dollar im Jahr Lizenzen für Online-Casinos
vergeben. Sauer ließ sich Computer und Möbel aus
Deutschland schicken und bastelte anderthalb Jahre an seiner
Idee: Die Software scheiterte zuerst an den örtlichen
Telefonleitungen.
Doch schließlich hat Harry Sauer sein Casino doch
noch bekommen, die ganze Familie ist nun nach Antigua umgezogen,
auch der Hund. Die drei Kinder besuchen die Schule, und ihr
Vater sagt: "Die kriege ich nie mehr hier weg."
Ein großer Teil von Sauers Kunden wohnen in dem Land,
aus dem Sauer kommt, aber er ist jetzt ein Unternehmer auf
Antigua, einer Insel jenseits des Atlantiks, die etwa so
groß ist wie der Landkreis Lindau. Harry Sauer selbst
fühlt sich "als Weltbürger, aber andererseits
natürlich noch als Deutscher": Er hat seinen Pass
behalten und lädt seine Freunde gern zur Schwarzwälder
Kirschtorte ein. Von Besuchern lässt er sich am liebsten
die guten Weißwürste des Metzgers Süß aus
Lindau mitbringen, weil das nämlich "der beste
Metzger der Welt ist". Und so vermisst er nur wenige
Dinge - die weiße Weihnacht, deutsche Weihnachtslieder
und den Höllenspaß, mit einem Mercedes von Lindau
nach München zu rasen. Wenn Familie Sauer zu Besuch
nach Deutschland fährt, wohnt sie in einer Ferienwohnung,
das familieneigene Grundstück bleibt unbebaut. "Damit
sie mir nicht anhängen, dass ich in Wirklichkeit gar
nicht auf Antigua wohne."
In Sauers Online-Casino arbeiten inzwischen 15 Mitarbeiter,
die eigene Frau eingeschlossen. Es ist eins der kleineren
unter den 90 Online-Casinos und Online-Wettbüros auf
der Insel. In einem fort kommen neue Konkurrenten hinzu.
In der Hauptstadt St. John kann man schon fertige Software
und Ausstattung kaufen, um ein Online-Casino zu eröffnen. "Daheim
denken alle, der ist in der Karibik, also muss er Dreck am
Stecken haben", sagt Sauer, und natürlich gebe
es schwarze Schafe, gezinkte Gewinne, gewaschene Gelder,
verschwundene Überweisungen. Aber das sei vor allem
an unregulierten Orten wie Costa Rica der Fall, und "überhaupt
werden viele Räuberpistolen erzählt. Wir sind hier
ein seriöses Unternehmen, das seine Arbeit macht." Geldwäsche? "Bei
uns sind alle Überweisungen nachvollziehbar. Aber gehen
Sie mal in die Spielbank Lindau - da nehmen sie nur Bargeld."
Doktortitel und Pässe bietet Herr Adem auf seiner Website
an
Die Sache ist nicht einfach: Nach dem Recht seiner neuen
Wahlheimat Antigua ist Sauer ein normaler Geschäftsmann
in einer zugelassenen Branche. Doch seine Kunden kommen aus
der ganzen Welt, "sogar aus der Bayerischen Staatskanzlei",
und da draußen sehen es manche Regierungen und Gerichte
strenger. Es gibt Länder, die Internet-Glücksspiele
grundsätzlich verbieten, etwa (nach herrschender Rechtsauffassung)
die Vereinigten Staaten. Dort haben die Gerichte schon Mitarbeiter
von Online-Casinos fernverurteilt. Jay Cohen vom antiguanischen
World Sports Exchange steckten sie gleich ins Gefängnis,
als er zwischendurch seine Heimat besuchte. In den meisten
Ländern wie Deutschland gilt die Rechtslage als unsicher.
Etliche Staaten und internationale Organisationen wie die
OECD üben auf gambler-Paradiese wie Antigua zumindest
diplomatischen Druck aus, weil sie argwöhnen, dort werde
schmutziges Geld gewaschen. "Es fließt Geld aus
den großen Ländern ab, und das mögen die
natürlich nicht", sagt Nelson Simon, Direktor für
Off-Shore-Gaming in der Regierung Antiguas. Wenn er die Vorwürfe
hört, wird er hitzig: "Es ist für diese Länder
etwas Neues, etwas Unbekanntes, und sie können es nicht
aufhalten. Aber sie sollen aufhören zu behaupten, dass
wir Piratennationen sind."
Kontrollieren lässt sich die Sache letztlich kaum.
Bits und Bytes kann man nicht an der Landesgrenze stoppen.
Jeder, der das Risiko eingeht, sein Geld wildfremden Menschen
auf fernen Inseln zu überweisen, kann mitspielen. Ein
Online-Branchenverzeichnis zählt inzwischen an die 1000
Unternehmen in aller Welt und erhebt keinen Anspruch auf
Vollständigkeit. Mehr als 50 Länder dulden oder
genehmigen Online-Spielhallen - darunter Newcomer wie Nicaragua,
wo die Unternehmer bisweilen noch ihre eigenen Stromgeneratoren
mitbringen müssen. "Es ist fast nicht nachzuvollziehen,
wer auf diesen Websites spielt", sagt ein Brancheninsider.
Es sei denn, die Behörden überraschten die Spieler
daheim an den Tasten.
"You have 1 new Message." Das E-Mail-Programm
signalisiert eine neue Nachricht, ein paar Seiten mit klein
getipptem Computertext vor weißem Hintergrund. Es ist
der einzige Weg, auf dem Georg Adem, der Chef der Internet-Firma
Financial Privacy Consultants, Journalisten an sich heranlässt.
Er verrät nicht einmal, wo er sich aufhält, gibt
keine Telefonnummer an, und Belegexemplare der Zeitung will
er an ein Postfach in Finnland geschickt wissen. Verfolgungswahn? "Über
zwanzig Jahre hat mir das geholfen, unbelästigt von
Bundesbehörden zu bleiben."
Auch wenn man ihn nicht zu Gesicht bekommt, gibt Adem gerne
Auskunft. "Diese Branche boomt", tippt er in den
Cyberspace, "leider allerdings auch mit vielen schwarzen
Schafen dazwischen." Georg Adem, Dr. Georg Adem, bietet
Doktortitel auf seiner Website an und außerdem Pässe,
vermeintlich todsichere Finanzanlagen und Ideen für
Geschäfte in entlegenen Territorien. Darüber hinaus
ist er spezialisiert auf Alterssicherungen und schlüsselfertige
Pornounternehmen auf Costa Rica, Bücher über "Rache", "Spionage", "Selbstverteidigung" und "Schlosserei".
Vertraulich sind seine Angebote alle und steuerfrei: "Sie
können heutzutage via Internet ein virtuelles Imperium
aufbauen, das jedes Finanzamt dieser Welt narrt."
Adem ist bei weitem nicht der Einzige, der seine Dienste
in der Off-Shore-Wirtschaft anbietet und auf den ersten Blick
ein bisschen paranoid erscheint. Da kommen Anrufe von internationalen
Mobiltelefonnummern, die beim Rückruf wenige Minuten
später schon wieder out of service sind. Da bestehen
Website-Betreiber darauf, nur verschlüsselte E-Mails über
elektronische Off-Shore-Briefkästen auszutauschen.
Die Chefin eines amerikanischen Website-Providers wickelt
den Datenverkehr ihrer Kunden grundsätzlich nicht mehr über
ihr Heimatland ab. Der Grund: In Amerika soll das FBI willkürlich
im Internet herumschnüffeln - und, sagt die Dame, ihre
Kunden seien nun mal "Unternehmen, die ihre Geschäfte
in einer unbeaufsichtigten Umgebung führen wollen".
Und sie sagt: "Die meisten sind wahrscheinlich Finanzdienstleister." Doch
so genau will sie es ohnehin nicht wissen.
Der Cyberspace lockt dunkle Gestalten, Verkäufer gestohlener
Musikaufnahmen, Händler mit verbotener Pornografie,
zweifelhafte Börsenspekulanten, Diebe von Kreditkartennummern,
Versender von Kettenbriefen, betrügerische Anlageberater.
Die Federal Trade Commission stellt inzwischen regelmäßig
mit Organisationen aus neun Ländern die weltweit "zehn
größten Online-Betrügereien" zusammen
und versucht, ihre Urheber zu ermitteln. Wobei sich immer
häufiger die Frage stellt, nach wessen Gesetzen die
Handlungen überhaupt illegal sind - etwa wenn sie auf
einer fernen Insel begangen wurden, wo nicht einmal Bankbetrug
strafbar ist. Noch häufiger stellt sich die Frage, wie
man die Urheber eigentlich finden soll.
In der Victoria Street 83 in London klimpert Peter Yapp
auf seiner Tastatur herum und schaut konzentriert in den
Cyberspace. Er jagt einen Verfasser von Schmähbriefen
im Internet, und er ist zuversichtlich, ihn zu schnappen.
Peter Yapp gehört zu den qualifiziertesten Experten
beim Aufspüren von Datensündern und arbeitet für
Control Risks, eine Sicherheits- und Spionageabwehrfirma,
die einst von ehemaligen britischen Geheimagenten gegründet
wurde. Sogar Spezialeinheiten der Polizei wenden sich neuerdings
an ihn. "Die Welt ist ein globaler elektronischer Marktplatz",
sagt Yapp, "und das bringt jede Menge neuer Gefahren."
Die begabtesten Hacker arbeiten für Drogenbosse und
Mafia
Doch selbst Yapp ist sicher, dass er diesen Krieg auf lange
Sicht verlieren wird. Immer wieder sind Fälle auf seinem
Bildschirm gelandet, bei denen sich die Spur des Übeltäters
jäh in den Weiten des virtuellen Raums verlor.
Geldüberweisungen, die plötzlich im Nichts endeten.
Elektronische Post, die über so genannte Remailer im
Zickzackkurs durch Rechner verschiedenster Länder gejagt
wurde, bevor sie beim Empfänger ankam. "Dann müsste
man quasi an all den Orten, wo diese Computer stehen, eine
Hausdurchsuchung durchführen. Das ist schlicht unmöglich." Die
Drogenkartelle in Südamerika und die Mafia in Italien
beschäftigen Spitzenkräfte der Hackergemeinde,
um ihre Spuren zu verwischen. "Und einige Tricks können
Sie inzwischen von jedem Internet-Café der Welt aus
organisieren, ohne jemals entdeckt zu werden." Das sagt
Yapp.
Machtlose Behörden, das Ende nationalstaatlicher Aufsicht über
Kommunikation und Geschäftsverkehr im Internet: Diese
Idee gefällt einer eigenartigen Allianz aus radikalen
Wirtschaftsliberalen, libertären Idealisten und Dunkelmännern.
Und seit Jahren bastelt ein flammender Verfechter dieser
Ideen an ihrer Umsetzung. Der Amerikaner Sean Hastings hat
es in der Szene inzwischen zu einer Art Kultstatus gebracht:
Im vergangenen Jahr stellte er seine Computer auf einer rostigen
Luftabwehrstation aus dem Zweiten Weltkrieg auf, wenige Kilometer
vor der Ostküste Englands. Dort bringt seine Firma HavenCo
gerade das "erste öffentliche Datenparadies" der
Welt ans Netz - mit zehn Angestellten, die sich in die fensterlosen
Kajüten quetschen, darunter das "im Umgang mit
Kampfgeschossen ausgebildete" Sicherheitsteam. "Es
war schon hart, monatelang mit selbst aufgefangenem Regenwasser
zu duschen", sagt Hastings. Seinen Pferdeschwanz hat
er sich deshalb abgeschnitten.
Vaterlandslose Gesellen müssen sich selber um fließendes
Wasser kümmern.
Hastings verrät niemandem, wer seine Kunden sind: "Aus
Prinzip." Behörden fürchtet er nicht - die
verlassene Militärstation ist nämlich im Jahre
1967 von dem pensionierten Offizier Paddy Roy Bates "erobert" und
für unabhängig erklärt worden. Bates hält
sich seitdem für den König von Sealand. Nach einigen
Schusswechseln mit der Royal Navy haben ihn die britischen
Behörden nun in Ruhe gelassen, und mit Hastings hat
er sich gleich verstanden. So kommt es, dass HavenCo jetzt
das offizielle Staatsunternehmen von Sealand ist.
Wobei es dem Chef mittlerweile doch ein wenig ungemütlich
auf Sealand geworden ist. Er reist dieser Tage lieber durch
die Welt und sucht nach Partnern. HavenCo soll gleich mehrere
Satelliten- und Infrarotverbindungen zum Internet erhalten,
damit niemand irgendwo den Stecker ziehen kann. Und die Daten
sollen in ein paar Jahren gleich in mehreren "Datenparadiesen" zugleich
lagern, falls die Royal Navy doch noch mal wiederkehrt. Kandidaten
gibt es viele. All die Inseln, auf denen Vince Cate und seine
Freunde hausen, autonome Indianerreservate, Yachten. "Und
es wird bald kein Problem mehr sein, einen eigenen Satelliten
zu kaufen und dort einen Webserver zu betreiben", sagt
Peter Yapp von Control Risks.
Der Kanadier William McLay wirbt damit, dass er seine Rechner
in einem ausgedienten US-Bunker auf den Bermudas untergebracht
hat - "der bietet sogar Schutz vor Bomben". Die
Firma Spirit Offshore Hosting verkauft Domain-Namen mit der
Endung ".ws" (für Samoa). Die Computer sind
nach Auskunft der Firmenchefin Donna Ebeling in Wirklichkeit "in
einem asiatischen Land" untergebracht, und "wir
haben es technisch unmöglich gemacht, sie zur exakten
Quelle zurückzuverfolgen". Und alles angeblich: "komplett
legal".
Ob legal, illegal oder in der grauen Zone dazwischen - wer
ein bisschen nachbohrt, stößt rasch vor auf den
wichtigsten Grund für die Geheimhaltungsobsession der
Branche. Bisher will nur eine Minderheit dieser Off-Shore-Unternehmer
endgültig ihrer Heimat den Rücken kehren. Sie wollen
zu Hause wohnen bleiben und dennoch Geschäfte abwickeln,
die dort schwierig oder verboten sind.
Das Unternehmen Internet Transactions Transnational aus
Virginia hilft Dotcom-Unternehmen längst dabei, Teile
ihres Geschäfts jeweils in den passenden Rechtsgebieten
unterzubringen - ohne dass ein einziger Mitarbeiter dorthin
reisen müsste. Jurisdiction hopping heißt das
im Jargon, Arbitrage zwischen Hoheitsgebieten: Banking auf
den verschwiegenen Bahamas, Datenspeicherung im liberalen
Finnland, Steuerzahlung auf dem großzügigen Barbados. "Das
Schöne am Internet ist, dass man verschiedene Rechtsgebiete
miteinander verbinden kann", sagt ein Firmenchef.
Für Fahnder bleibt Datenstaub und weißes Rauschen
Noch radikaler sind die Visionen der Organisatoren von Laissez
Faire City
einer Reihe millionenschwerer Wirtschaftsliberaler, die
sich 1995 zur "souveränen Nation auf der Suche
nach einem Land" erklärten und seitdem nach geeignetem
Boden für ein entfesseltes Marktparadies suchen.
Inzwischen hat ein neues Team die Regierungsgeschäfte übernommen
und ist voll auf das Internet umgestiegen. Programmierer
entwickeln "Digitale Souveränitäts-Dienstleistungen",
Instrumente für "Virtuelle Steuerfreie Internationale
Cyberkonzerne" - mit denen man, schlicht gesagt, seine
Korrespondenz und Geschäfte vor neugierigen Beamten
der Steuer- und Zollbehörden verbergen kann. "Am
Ende wird das System talentierten Individuen aus allen Nationen
erlauben, ihre Geschäfte miteinander unabhängig
von Vorurteilen sowie ineffizienten und oppressiven Regierungen
auszuführen", heißt es aus Laissez Faire
City. Einige hundert "Mikronationen" im Internet
basteln zurzeit an ähnlichen Unternehmen, berufen sich
auf liberale Philosophen, sagen das Ende der Nationalstaaterei
voraus, planen Steueroasen im Laptop. Schon wieder Science-Fiction?
Tatsächlich schreitet die Entwicklung technischer Hilfen
für anonyme Geschäfte im Internet rasant voran:
anonyme E-Mails, Online-Geld, namenloses Surfen, Dateneinspeisung
ins Internet, die niemand mehr auf einen genauen Ort oder
gar auf eine Person zurückführen kann. "In
unserem System kann keiner herausfinden, wer die anderen
Teilnehmer sind", prahlt Jim McCoy von der Firma Mad
Scientists for a Better Tomorrow - was nach einer Bande von
Spinnern klingt, aber keine ist. McCoy hat früher einmal
den E-Mail-Dienst von Yahoo aufgebaut und erregt jetzt in
Branchenkreisen mit seinem Datentauschprogramm Mojo Nation
Aufsehen.
Wer mit Mojo Nation Musik, Filme oder Dokumente verschickt,
bleibt unbemerkt und ist nicht zu stoppen. Nur wer den richtigen
elektronischen Schlüssel hat, also der Sender und der
Empfänger, kann die Daten lesen. "Wenn Sie irgendwo
im Internet unseren Datenfluss abfangen, bekommen Sie reinen
Datenstaub, weißes Rauschen", sagt McCoy. "Und
wenn Sie einen beteiligten Computer stilllegen, enthalten
andere immer noch ein Spiegelbild der Daten." Ein Polizeifahnder
kommentiert das nur stöhnend: "Die Perfektion der
Geheimhaltung."
"Wenn diese Dinge einmal Wirklichkeit sind, brauchen
wir nicht mal mehr Datenparadiese wie Sealand", prophezeit
sogar Sean Hasting von der Luftabwehrstation, "ich freue
mich sehr darauf." Seine Mitarbeiter könnten dann
endlich wieder ordentlich duschen, Harry Sauers Schwarzwälder
Kirschtorte müsste nicht mehr in der Hitze zerfließen,
seekranke Passagiere auf der Freedom Ship dürften wieder
auf Landgang. Dann hätte die Globalisierung tatsächlich
eine ultimative Wendung genommen: Die Vaterlandslosen blieben
daheim.
* Unter www.zeit.de/2001/17/staatenlose finden Sie weitere
Informationen zu diesem Thema
Autor(en): Fischermann, Thomas
Bildunterschrift:
Droht durch virtuelle Welten das Ende nationalstaatlicher
Aufsicht über
Kommunikation und Geschäftsverkehr?
Nomen est omen.Die virtuellen Unternehmen heißen Laissez
Faire City oder
Mad Scientists for a Better Tomorrow
Das Paradies ist immer woanders.Der Staatenlose erträumt
sich eine Welt
ohne Kontrolle
Auch dunkle Gestalten lockt der Cyberspace an - Pornohändler,
Musikpiraten, Kreditkartendiebe und Anlagebetrüger
Aufnahme:
Foto: Victor Habbick Visions Science Photo Library, London/Agentur
Focus
Foto: Victor Habbick Visions Science Photo Library, London/Agentur
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Foto: Julian Baum Science Photo Library, London/Agentur Focus
Foto: Roger Harris Science Photo Library, London/Agentur
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