| Handelsblatt Nr. 223 vom 19.11.02 Seite 12
Report -
Finanzen
Die Insel-Ökonomie Die Isle of Man hat den Sprung von der schwarzen Liste
der OECD geschafft. Die Reputation des Steuerparadieses
stimmt wieder. Aber nur, wenn man nicht zu genau
hinschaut.
FELIX SCHÖNAUER, Isle of Man HANDELSBLATT, 19.11.2002
Kevin Saunders* ist wie geschaffen für die Akquisition
neuer Kunden. Denn der junge Angestellte der südafrikanischen "Standard
Bank Offshore" auf der malerischen Insel Isle
of Man stellt keine unnötigen Fragen. Dass der
vor ihm sitzende Mann sich nicht für hohe Zinsen
interessiert und auch nicht erklären kann, warum
er gerade zur Standard Bank gekommen ist, verursacht
keinerlei Stirnrunzeln unter den gegelten Haaren.
Der Kunde kann keinen Wohnort nachweisen? Kein Problem: "Sie
stehen doch im Telefonbuch? Das reicht schon." Dass
die Unterschrift auf dem vorgelegten Ausweis der auf
dem Konto-Antrag kaum ähnelt, kostet den Angestellten
ein Lächeln. "Können Sie die bitte wiederholen?" Immerhin:
Einen sechsstelligen Betrag sofort bar einzuzahlen
lehnt Saunders ab. Kritische Fragen ist ihm das Ansinnen
des Klienten aber nicht wert. In einer guten Viertelstunde
hat der freundliche Saunders alle Formalitäten
für die Kontoeröffnung erledigt - und die
Bank besitzt einen Kunden, von dem sie nichts weiß.
Banker wie Saunders dürften der Albtraum der
Behörden auf der Isle of Man sein. Denn die Insel
der Manx genannten Einwohner kämpft seit Jahren
gegen das Image des ruch- und gesetzlosen Steuerparadieses
- ebenso wie Jersey und Guernsey und das vor Spanien
liegende Gibraltar. Noch im Sommer 2000 wurde die weder
zur EU noch formal zu Großbritannien gehörende
Insel westlich von England von der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
als Brutstätte "schädlicher Steuer-Praktiken" ausgemacht,
weil der Fiskus bislang nur bei heimischen Unternehmen
zugreift. Dank der Bereitschaft zur langfristigen internationalen
Zusammenarbeit konnte die Regierung aber auch Gegner
so genannter Offshore-Zentren milde stimmen. "Die
Isle of Man hat ihre Reputation wieder hergestellt",
sagt Jeffrey Owens, Leiter des Zentrums für Steuer-Angelegenheiten
und Verwaltung der OECD. Von der schwarzen Liste ist
die Insel seit einem Jahr verschwunden.
Seitdem läuft die PR-Maschinerie auf Hochtouren.
Erst Ende vergangener Woche wurde wieder ein Tross
europäischer Journalisten auf die Insel gekarrt,
um die hohen regulatorischen Standards zu bewundern.
Finanzminister Alan Bell rühmte die Anstrengungen
der Insel unter dem Schutzgebiet der britischen Krone.
Der Chef der Finanzaufsicht Financial Supervision Commission
(FSC), John R. Aspden, schien vor Stolz zu wachsen,
als er über die Bereitschaft zu vollständiger
Transparenz sprach: "Wir würden doch sonst
unsere Zukunft aufs Spiel setzen."
Eine Zukunft, die güldener nicht sein könnte.
Seit den 60er-Jahren hat die Regierung den Umschwung
von einem siechen Schifffahrts- und Touristen-Örtchen
zu einem prosperierenden Finanzplatz geschafft. Die
Wirtschaft legte 2001 das zweitgrößte Wachstum
in Europa hin, die Arbeitslosigkeit lag unter einem
halben Prozent. Fast 42 Prozent des Nationaleinkommens
stammen aus der Finanzindustrie. Insgesamt schlummern
Gelder im Wert von 52 Milliarden Pfund in den gut 80
Banken- und Versicherungsfilialen. Ab 2006 fällt
der Steuersatz für alle Firmen auf null, um europäischen
Anti- Diskriminierungs-Regeln ("Code of Conduct")
zu entsprechen. Dann zahlen nur noch Banken und andere
regulierte Firmen Steuern in Höhe von zehn Prozent.
Was den Insulanern an Firmen-Steuern wegfällt,
sollen mehr und reichere Angestellte wieder mitbringen;
so funktioniert die Insel-Ökonomie.
Doch trotz des Wiedereintritts in die offizielle Gemeinschaft
- mit der verkündeten Transparenz scheint es nicht überall
weit her zu sein. So kann auch die FSC die Gesamtzahl
der Privatkonten auf der Insel nicht einmal andeuten.
Auf die Umstände der selbst erfahrenen Kontoeröffnung
angesprochen, windet sich der eher brummige Finanzaufseher
wie eine Manx-Katze: "Sollte das stimmen, wäre
das wirklich eine außergewöhnliche Situation
und ein sehr ernsthafter Fehltritt." Normalerweise,
so meint er, sollte sich eine Bank für eine Kontoeröffnung
gut eine Stunde Zeit nehmen, um den Klienten richtig
kennen zu lernen.
Auf die Wünsche der internationalen Gemeinschaft
weiß die Insel in der Regel eher clever zu reagieren
als zu offen: So will die Europäische Union etwa
erreichen, dass Steuerbehörden einzelner Länder
permanent Informationen austauschen. Die Isle of Man
hat als einer der Ersten dem zugestimmt - unter der
Voraussetzung freilich, dass sich EU, USA und assoziierte
Nationen wie die Schweiz und Luxemburg ebenfalls daran
halten. Die Isle of Man setzt sich damit geschickt
von Transparenz-Gegnern ab, weil sie weiß, dass
der Widerstand der anderen groß genug ist. Wegen
der Schweizer Weigerung, das Bankgeheimnis aufzuheben,
steht das Projekt ohnehin kurz vor dem Aus. Ian Kelly
von der Einkommensteuerbehörde der Isle of Man: "Ich
glaube nicht, dass wir diese Direktive jemals sehen
werden."
Kevin Saunders kann also weitermachen wie bisher.
Schon zwei Werktage nach dem Besuch bei der Bank schickte
das Institut postalisch "Herzliche Glückwünsche
zur Kontoeröffnung".
* Name von der Reaktion geändert
Autor: Schönauer, Felix
Unternehmen: Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung OECD
Länder: Großbritannien C4EUUK
Länderfacette: Staatsfinanzen
Deskriptor(en): Steueroase
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